oekumenischen rat der kirchen

Achte Vollversammlung
Beratende Plenarsitzung zur Oekumenischen Dekade
"Kirchen in Solidarität mit den Frauen"

Phase 1 - Die Vergangenheit
(Dieser Abschnitt wird vorgestellt mit einer Prozession,
einem Video und Den folgenden Dankesworten
von Despina M. Prassas.)

Die Ökumenische Dekade
Despina M. Prassas
Dokument Nr. DE 1

Ich grüsse Sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Guten Morgen. Ich möchte Gott, unserem Herrn, danken, dass er uns die Möglichkeit gegeben hat, hier zu sein und den Abschluss der Oekumenischen Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen" des Ökumenischen Rates der Kirchen zu feiern. Wir sind dankbar für so viele Gelegenheiten, bei denen wir unsere Gaben und Talente feiern konnten, Gaben, die wir der Kirche dargebracht haben. Das mutige Bemühen und das Engagement der Frauen, die sich an der Dekade beteiligt haben, ist vielen zugute gekommen. Unsere Liebe zueinander ist die Hoffnung, die die Kirchen am Leben hält und den Auftrag Jesu Christi erfüllen lässt.

Frauen aus allen Teilen der Welt hatten sich zu einem Gottesdienst zusammengefunden, um den Beginn der Dekade zu feiern. Überall in Afrika fanden in mehr als einem Dutzend Ländern nationale und regionale Treffen statt; in Asien gehörten zu den Eröffnungsveranstaltungen Ostergottesdienste bei Sonnenaufgang in Pakistan und auf den Philippinen; im Vereinigten Königreich von Grossbritannien versammelten sich viele Menschen zum Gottesdienst in der Westminster Abtei, und in den methodistischen Kirchen predigten Frauen in den Ostergottesdiensten; in Costa Rica war eine ökumenische Gruppe von mehr als 150 Frauen zur Eröffnung der Dekade zusammengekommen; orthodoxe Frauen aus der ganzen Welt trafen sich zum Feiern in Kreta und überall in den Vereinigten Staaten sorgten die Verantwortlichen der Programme und Räte für die Koordinierung der Materialien für die Dekade und andere Kirchen verabschiedeten besondere Resolutionen, in denen sie zur Mitwirkung an der Dekade aufriefen.

Zur Halbzeit der Dekade besuchten ökumenische Teams fast alle Mitgliedskirchen, um sich einen Überblick über das zu verschaffen, was in der ersten Hälfte der Dekade geleistet worden ist und die Kirchen zu ermutigen an den Verpflichtungen, die sie für ihre Mitglieder eingegangen sind, weiterzuarbeiten, und Bilanz zu ziehen.

INHALT

Für weitere Informationen zu folgenden Themen, bitte hiere klicken:

Die Vergangenheit
Die Ökumenische Dekade
Die Gegenwart


Die Zukunft

Der im Jahre 1997 veröffentlichte Bericht der ökumenischen Teams, der den Titel Lebendige Briefe trägt, dokumentiert die Entschlossenheit und Ausdauer von Frauen, die Probleme der Unterdrückung zu überwinden; dazu gehören Gewalt, mangelnde Mitwirkung am Leben der Kirche, Rassismus und wirtschaftliche Ungerechtigkeit. Mit diesen Problemen haben viele unserer Kirchen in vielen Regionen zu kämpfen und sie werden auf sehr unterschiedliche Weise angegangen. Manche Probleme werden von Frauen durch gegenseitige Hilfe beseitigt; in anderen Fällen haben kirchliche mit weltlichen Organisationen zusammengearbeitet, um ans Ziel zu gelangen. Die Teams lernten die kulturellen, kirchlichen und örtlichen Situationen der Kirchen kennen und fragten nach konkreten Zeichen der Solidarität der Kirchen mit den Frauen.

Es gibt noch immer viele Schwierigkeiten; eines der grössten Hoffnungszeichen ist jedoch, dass den Kirchen bewusst geworden ist, dass die meisten Probleme im Verhältnis zwischen Männern und Frauen und in der Gemeinschaft nicht allein Frauenprobleme sind, sondern die gesamte Kirche angehen. In dem Text, Die Herausforderungen der Frauen: Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert - dem Aktionsprogramm, das letzte Woche während des Oekumenischen Dekade-Festivals: Visionen über 1998 hinaus, diskutiert und weiterentwickelt wurde, - werden Schwierigkeiten und Hoffnungen dokumentiert.

Einige Anliegen der Frauen sind zwar aufgegriffen worden, aber es bleibt noch viel zu tun. Deshalb sind wir hier, um "umzukehren zu Gott und fröhlich zu sein in Hoffnung."

Ich bin gebeten worden, auch kurz auf das Symbol des Dekade-Festivals einzugehen, das Wasser. Frauen aus der ganzen Welt haben Wasser zum Dekade-Festival mitgebracht und heute hier ausgestellt. Frauen aus den Kirchen der einzelnen Regionen der Welt haben das Wasser, das sie mitgebracht haben, als Zeichen der Solidarität und des Engagements füreinander und für die Erhaltung des Lebens dargebracht.

Wasser ist etwas sehr Gewöhnliches, denn es bedeckt nahezu drei Viertel der Erdoberfläche; andererseits ist es aber auch etwas Ausserordentliches, denn es ist für das Leben der Welt unverzichtbar: einige Mikroorganismen können ohne Luft leben, aber kein Lebewesen kommt ohne Wasser aus.

Wasser hat grosse Zivilisationen entstehen lassen, ist manchmal aber auch die Ursache ihrer Zerstörung gewesen. Über Hunderte von Millionen Jahren war das Wasser eine der grössten Kräfte bei der Gestaltung und Umgestaltung des Antlitzes der Erde, als gefrorene Gletscher, als strömende Flüsse und als Ozeane. Es reguliert das Klima, nährt den Boden, in dem Saaten und Wälder Wurzeln schlagen können, und als Dampf- oder Wasserkraft treibt Wasser die Anlagen der modernen Technik. Es ist ein unerlässlicher Bestandteil nahezu aller Fabrikationsprozesse, vom Brotbacken bis zur Herstellung von Mikrochips für Computer.

Das Ausgiessen der "Tränen", die von Frauen aus aller Welt zum Dekade-Festival mitgebracht wurden


Wasser spielt in den Angelegenheiten der Welt eine vitale Rolle, denn es ist wesentlich für wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung. In vielen Ländern der Welt sind die Frauen dafür zuständig, Wasser zu holen und einzuteilen. Wenn sie keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, müssen sie oft weite Entfernungen zurücklegen, viele Stunden ihres Tages dafür aufwenden, um Wasser zu holen und Gesundheit und Wohlergehen ihrer Familien zu sichern.

Wasser ist aber auch etwas in sich Widersprüchliches. In manchen Regionen ist es knapp, in anderen fliesst es reichlich. Es ist eine Ware, die Menschen und Regionen der Welt spaltet, und als wertvolle und knappe Ressource hat es Länder zur Erschliessung und Verteilung der Wasserquellen miteinander verbunden. Seine zerstörerischen Fähigkeiten sind bekannt; sie zeigten sich mit ihrer ganzen Härte bei den Auswirkungen von El Niño und in allerjüngster Zeit beim Orkan Mitch, der das Leben Tausender hinweggerafft hat. Gleichzeitig tragen diese Naturkatastrophen dazu bei, das Ökosystem wiederzubeleben und das Wasser im Binnenland und an den Küsten zu entgiften.

Es gibt allerdings eine Art von Wasser: das keine Widersprüche in sich birgt, das lebendige Wasser, das Jesus der hlg. Fotini, der Frau am Brunnen (Joh. 4), gegeben hat. Unser Herr und Heiland hat der hlg. Fotini ins Herz gesehen und merkt, dass sie der Heilung bedarf; und er macht sie wahrhaft heil, lässt sie wahrhaft neues Leben erfahren, schenkt ihr das ewige Leben. Durch das Wasser der Taufe "wäscht uns Jesus mit seinem Wasser vom Schmutz der Sünde rein, der die Schönheit des Ebenbildes entstellt hat."

Deshalb ist Wasser nicht nur ein Symbol für unsere Solidarität untereinander, sondern vielmehr noch ein Symbol für die Ernennung unserer Liebe für unseren Herrn Christus und unseren Glauben an ihn. "Denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen" (Off 7,17).

__________________________

1 Hlg. Gregor von Nyssa, Predigt über die Seligpreisungen


Phase 2 - Die Gegenwart
Dieser Abschnitt wird durch Lala Biasima, M. Deenabandhu, Mukami McCrum und Bischof Ambrosius aus Oulu eingeleitet.

Frauen und wirtschaftliche Gerechtigkeit
Pastorin Lala Biasima
Dokument Nr. DE 2

Ich danke Gott für diese Möglichkeit, im Namen meiner afrikanischen Schwestern hier das Wort zu ergreifen, um über ein so brennendes und aktuelles Problem wie die wirtschaftliche Gerechtigkeit zu sprechen.

Die Wirklichkeit
In der Heiligen Schrift lesen wir, dass es Gottes Wille ist, als Ausdruck seiner Liebe und seiner Gerechtigkeit die Schöpfung mit allem auszustatten, was zum Glück und zum Überleben des Menschen notwendig ist.

Unglücklicherweise aber ist der Mensch, der die Schöpfung zu seinem eigenen Wohl nutzen und schützen sollte, zum Henker seines Nächsten geworden, als er Wirtschaftssysteme und Handelsverträge erfand, die den Markt, das Geld und den Profit auf Kosten des Menschen und seiner Würde privilegieren.

Die Globalisierung der Wirtschaft, die Einführung der Marktwirtschaft, die Reduzierung der Sozialleistungen und die Auslagerung von Betrieben in Billiglohnländer zeigen zur Genüge die Absicht des Menschen, eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung durchzusetzen, in der Wirtschaftspolitik Vorrang hat vor Sozialpolitik.

Von den Auswirkungen dieses menschlichen Egoismus sind vor allem die Frauen betroffen. Die Feminisierung der Armut ist in allen Ländern zu beobachten, auch wenn Armut in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Formen annimmt.

In Europa und Nordamerika gehören die meisten erwerbstätigen Frauen zu den Niedriglohngruppen. Sie sind als erste von der Senkung der Sozialausgaben und von der Vernichtung von Arbeitsplätzen betroffen, durch die sie nicht nur ihr Gehalt, sondern auch ihre Rente verlieren. So wird die Kluft zwischen Reichen und Armen, vor allem aber zwischen Männern und Frauen immer breiter.

In den Entwicklungsländern sind Frauen in zweifacher Hinsicht Opfer der Wirtschaftskrise: zum einen als Frauen, die arm und ungebildet sind, und zum andern als Ehefrauen von Männern, die entweder arbeitslos oder chronisch unterbezahlt sind, wodurch sie sich manchmal gezwungen sehen, auf der Suche nach einer ungewissen Arbeit in die Fremde zu gehen. Dann tragen die Frauen allein die Verantwortung für das Überleben der Familie, und zwar häufig auf Kosten ihrer Gesundheit.

Das strukturelle Anpassungsprogramm - dieses breit angelegte internationale Komplott, durch das die Staaten veranlasst werden sollen, ihre Verantwortung für das Gesundheits- und Bildungswesen und für die öffentlichen Dienste abzugeben und gleichzeitig ihre Einnahmen (Steuern und Gebühren für Dienstleistungen) zu erhöhen, in anderen Worten, die Bevölkerung noch stärker auszubeuten, und dadurch die Reichen noch reicher werden und die Arbeitslosigkeit, die Armut und das Elend in den jeweiligen Ländern weiter ansteigen zu lassen -- ja, dieses Komplott, wie ich es nannte, hat seine Ziele wirklich erreicht. Überall dort, wo es greift, wartet die Bevölkerung vergebens auf Zeichen des von den Urhebern so oft beschworenen wirtschaftlichen Aufschwungs. Im Gegenteil, Millionen von Menschen sind zu Armut und vorzeitigem Tod verurteilt, denn das Geld, das der Deckung ihrer Grundbedürfnisse dienen sollte, wurde für den Schuldendienst zweckentfremdet. Es handelt sich letztendlich doch nur um einen Kapital- und Ressourcentransfer von den armen in die reichen Länder.

Von diesem traurigen Tatbestand sind vor allem Frauen, aber auch Kinder betroffen, die auf dem Altar des Profits geopfert werden und schon sehr jung arbeiten müssen, um zum Überleben der Familie beizutragen, wobei sie oft ihr Leben aufs Spiel setzen (Sextourismus, Prostitution, Vergewaltigung, Jugendkriminalität usw.).

Was konnten die Kirchen zusammen mit den Frauen bisher erreichen?
Während der Dekade konnte mit Hilfe von Kampagnen, Konferenzen, Programmen zur wirtschaftlichen "Alphabetisierung" und zu einkommenschaffenden Tätigkeiten die folgenden Resultate erzielt werden:


Herausforderungen über die Dekade hinaus
Obwohl die Dekade den Frauen viele neue Erkenntnisse und Einsichten brachte, bleiben viele Herausforderungen bestehen.
  • Das Weltwirtschaftssystem. Die Christen der Welt sehen dem Aufbau von Wirtschaftssystemen, die dem Turm zu Babel ähnlich sind (IWF, Weltbank, freie Marktwirtschaft usw.), die auf Ungerechtigkeit, Stolz und Vormachtstreben gründen, tatenlos zu. Dieses stillschweigende Einverständnis mit Ideologien, die die Hälfte der Menschheit verarmen lassen, machen uns mitverantwortlich für wirtschaftliche Ungerechtigkeiten. Wo sind die Christen, wenn es um die Bewirtschaftung der Oikumene geht?

  • Strukturelle Anpassungsprogramme. Die multinationalen Unternehmen diktieren den Staaten eine Senkung der Sozialausgaben und nehmen es gleichzeitig hin, dass dieselben Staaten in Waffenkäufe investieren, die ganze Völker in Schrecken halten. Die Kirchen müssen deshalb auf einem Schuldenerlass und einer Neuzuweisung dieser Gelder an Programme zur Verbesserung des Lebensstandards bestehen.

  • Kapitalmangel. Für von Frauen durchgeführte Projekte gibt es kein Geld. Die Wirtschaftskrise dient den Staaten und den Kirchen stets als Alibi, um diesen Mangel an Interesse zu rechtfertigen. Dir Kirchen müssen ihre Prioritäten in diesem Bereich künftig ändern.

  • Mangelnde Ausbildung bleibt weiterhin ein Hauptrisiko für die Frauen, die immer als erste der Gefahr der Armut ausgesetzt sind. Die Kirchen müssen alles in ihrer Macht Stehende tun, um Bildungsprogramme für Frauen zu unterstützen, die diese auf vielseitige Aufgaben und auch auf Verantwortung in Entscheidungsgremien vorbereiten.

Soviel also zu den verbleibenden Herausforderungen an die Kirchen, mit den Frauen über die ausklingende Dekade hinaus solidarisch zu sein. Es geht um das christliche Zeugnis in der Welt.


Gewalt gegen Frauen
Rev. Deenabandhu Manchala
Dokument No. DE 3

Die weite Verbreitung und anhaltende Zunahme von Gewalt gegenüber Frauen überall in der Welt ist vielleicht der sichtbarste Beweis für den ethisch-moralischen Verfall unserer Generation. Wir sind hier als weltweite Gemeinschaft von Kirchen zusammengekommen, um aus den Lehren dieser Dekade zu lernen, und sehen uns mit dieser Realität konfrontiert, gegen die wir anscheinend nichts machen können.

Bei den Besuchen der Dekade-Teams - der sogenannten "lebenden Briefe" - in den Mitgliedskirchen wurde deutlich, daß Gewalt gegen Frauen überall zum Alltag gehört. Den Berichten der Teams läßt sich entnehmen, daß über alle Schranken von Klasse, Rasse, Kaste, Alter, Bildung, Kultur, Status und Konfessionen Frauen unterschiedlichen Formen von Gewalt ausgesetzt sind - körperlicher, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, institutioneller, psychischer und spiritueller Gewalt. Alle, die letzte Woche am Dekade-Festival teilgenommen haben, erinnern sich noch an das bewegende Zeugnis von Frauen, die Gewalt im kirchlichen Leben selbst erfahren hatten.

Ich komme aus Indien, einem Land, das immer wieder für seine ahimsa (Gewaltlosigkeit) und dharma (Ethik) gepriesen wird. Ironischerweise bezieht die indische Gesellschaft jedoch ihre Stärke aus einer Kultur der doppelten Ausgrenzung durch Kastensystem und Patriarchat. Das bedeutet, daß nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch eine sorgfältig konstruierte, genährte und durch die Religion bestätigte strukturelle Gewalt allen Ausgegrenzten das Leben unerträglich macht. Ich vertrete hier die Opfer beider Arten von Ausgrenzung - Frauen und Dalits (den Unterdrückten), die die am meisten verachtete, verarmte und ausgebeutete Bevölkerungsgruppe Indiens ausmachen. Die Dalit-Frau ist in diesem System die "Dalit der Dalits". Sie ist dreifach unterdrückt, denn sie ist arm, Dalit und Frau, das am schlimmsten betroffene Opfer von Gewalt aufgrund des Zusammenspiels von Klasse, Kaste und Geschlecht. Ich möchte, daß wir alle heute an die Millionen von Dalit-Schwestern denken, die tagtäglich Opfer von unterschiedlichen Formen von Gewalt sind. Diese Kultur des Unterdrückers setzt sich in den Köpfen der Opfer derart fest, daß sie diese Gewalt als unvermeidlich hinnehmen und die anderen immun ihr gegenüber werden. Wie dem auch sei, Indien hat weiterhin die Spitzenreiterrolle bei der Gewalt gegen Frauen inne. Jedes Jahr werden etwas mehr als

15 000 Frauen vergewaltigt, weitere
15 000 entführt
7 000 Bräute werden umgebracht, weil ihre Mitgift zu gering ist,
30 000 werden gefoltert, weitere 30 000 mißbraucht,
15 000 sexuell belästigt und ca.
15 000 sind "in unmoralische Geschäfte verwickelt", in anderen Worten, zur Prostitution gezwungen.

Jährlich werden fast 125 000 Verbrechen gegen Frauen registriert. Weiterhin sind die Mehrheit der Personen, die aufgrund von schlechter Gesundheit, Epidemien, Naturkatastrophen, Kasten- und Konflikten zwischen Gemeinschaften bzw. ethnischen Auseinandersetzungen sterben, Frauen.

Während unserer Besuche konnten wir feststellen, daß die Kirchen diesen Tatbestand im grossen und ganzen als ein kulturelles Phänomen betrachten und nicht nur nicht darauf reagieren, sondern in vielen Fällen verschiedenste Formen der Gewalt gegen Frauen durch diskriminierenden Sprachgebrauch, Ausschluß vom gesellschaftlichen Leben und Verstärkung von Rollenbildern auch noch aktiv unterstützen und somit festschreiben . Leider sieht es so aus, als sei der Schutz der Traditionen der institutionellen Kirche für viele Christen heutzutage mehr ein Glaubensgebot als Hunger und Durst nach Gerechtigkeit und Frieden. Aber inmitten dieser traurigen Realität lassen sich doch Anzeichen von Hoffnung wahrnehmen. Wir haben bei den Frauen ein zunehmendes Bewußtsein ihrer Lage feststellen können. Sie schließen sich zusammen, um Widerstand zu leisten und für Gleichheit, Gerechtigkeit und gerechte Behandlung zu kämpfen. Sie durchbrechen die Kultur des Schweigens. Sie formulieren ihre Sicht einer neuen Gesellschaftsordnung, die auf den Werten der gegenseitigen Unterstützung, Gleichheit und Gerechtigkeit fußt. Sie entdecken das Befreiungspotential des biblischen Glaubens. Und hierin liegt die Herausforderung. Möchte die Kirche weiterhin die Hüterin einer Kultur der Gewalt bleiben oder zu einem Katalysator für eine Kultur des Lebens werden? Am Ende der Dekade zeichnen sich hinsichtlich der Problematik "Gewalt gegen Frauen" einige Möglichkeiten ab:

1. In Situationen, in denen die menschlichen Beziehungen die von unterdrückerischen Werten, Strukturen und Kulturen geprägt sind, liegt die Herausforderung an die Kirchen in deren Fähigkeit, formale wie inhaltliche Alternativen zu bieten. Dort, wo das Leben für über die Hälfte der Weltbevölkerung verleugnet, mißbraucht und zur Qual wird, sollte man das Problem nicht länger als frauenspezifisch, sondern vielmehr als eine Aufforderung auffassen, die uns dazu aufruft, Leben und Würde aller Menschen zu bekräftigen. Dies setzt voraus, daß wir neu entdecken, was Kirchesein bedeutet. Die Kirche ist nicht nur berufen, eine Gemeinschaft von Gläubigen zu sein, die sich allein mit dem Geistlichen befasst, sondern sie muss eine verwandelnde Präsenz sein, die durch ihr Sein und Handeln die Verheissung des kommenden Reiches Gottes vergegenwärtigt. Die Verbannung von Gewalt aus den kirchlichen Strukturen und Beziehungen, aus Bibel und Sprache ist die oberste, dringliche Aufgabe der Kirche heute.

2. Wir bekräftigen die Notwendigkeit von Kontextualisierung und Inkulturation, aber wir müssen gleichzeitig das verwandelnde Potential des Evangeliums vertreten, das alles Unterdrückerische in der Kultur bekämpft und verwandelt. Kultur kann nicht als Ausrede für Passivität angeführt werden. Die Kirche muß aufhören, die Kultur der Unterdrücker in Schutz zu nehmen, und anfangen, im Gehorsam gegenüber dem Gott der Befreiung die Kulturen und Perspektiven der Unterdrückten zu ihren eigenen zu machen. Kultur ist eine im ständigen Wandel begriffene Realität, die verändert werden kann. Vielerorts haben wir festgestellt, daß die Kirche hinter dieser Aufgabe zurückbleibt, auch wenn einige der streng patriarchalischen Gesellschaften wie Indien begonnen haben, Frauen gegenüber offener zu sein und praktische Maßnahmen zu ihren Gunsten zu ergreifen. Vielleicht handelt es sich hier um wenigstens einen Aspekt, in dem die Kirche der Welt folgen sollte.

3. Wie die Dalits und viele andere unterdrückte Gruppen sind die Frauen sich heute ihrer Lage bewußt geworden. Zahlreiche Basisbewegungen sowie die wachsende Solidarität, die sich aus ihrem gemeinsamen Kampf gegen Hindernisse ergibt, zeugen von einem neuen ökumenischen Geist. Die Kirche muß dies erkennen und sich aktiv an den ökumenischen Basisbewegungen für Gerechtigkeit, Freiheit und Leben beteiligen, wenn sie nicht alle Chancen verspielen will, auf der Seite des Lebens zu stehen.


"Rassismus gegen Frauen"
Mukami McCrum
Dokument Nr. DE 4

Ich spreche zu Ihnen heute aus der Perspektive verschiedener Identitäten: der einer schwarzen Frau, einer Mutter, Tochter, Schwester, Ehefrau und Christin. Als schwarze Frau werde ich tagtäglich mit Rassismus konfrontiert. Als Mutter habe ich mit Rassismus gegen meine Kinder zu tun. Als Schwester teile ich das Leid meiner Schwestern, wenn sie mir ihre Geschichte erzählen. Als Tochter verbindet mich die Pflicht und Schuldigkeit meinen Eltern gegenüber mit Generationen schwarzer Frauen aus Afrika, Asien, dem Pazifik, aus der Karibik, aus Lateinamerika, Australien, mit Ureinwohnerinnen, Migrantinnen und Flüchtlingen aus Vergangenheit und Gegenwart, die in ihrem Kampf gegen Sklaverei und gegen kolonialen und imperialen Rassismus viel Not erleiden mußten. Als Ehefrau lassen die heulenden Sirenen der Krankenwagen mein Herz vor Angst stillstehen: Ob mein Mann und mein Sohn bei der Anti-Rassismus-Demonstration wohl verletzt wurden? Als Christin suche ich bei der Kirche nach Antworten auf meine Probleme und frage mich, warum wir einander nicht lieben können, wie Christus es uns gelehrt hat.

Von der Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen" erwartete man sich direkte Antworten auf Anliegen und Fragen von Frauen. Doch wenn ich Frauen zu ihrer Erfahrung mit der Dekade befrage, so lautet die Antwort für gewöhnlich: "Welche Dekade?" Wenn ich einer farbigen Frau die gleiche Frage stelle, so lautet ihre Antwort: "Welche Dekade? Welche Frauen?" Das legt den Schluß nahe, daß der "Stein des Rassismus" noch nicht "verrückt", geschweige denn "weggerollt" wurde. Es scheint mir, daß die Kirche und die Frauenbewegung an rassischen Minderheiten, Migrantinnen und Ureinwohnerinnen vorbeigegangen sind. Unterstützt wird diese Sicht der Dinge durch die Tatsache, daß diese Frauen Rassismus, Unterdrückung und Ausbeutung sowohl durch Frauen als auch durch Männer der vorherrschenden Farbe, Kultur, Religion und Klasse in den meisten Ländern der Erde erleben. Die Kirchen haben offensichtlich diesen äußerst wichtigen Punkt vernachlässigt.

Viele Männer und Frauen in der Kirche oder der Gemeinde sind schockiert, wenn wir ihnen von unseren Erfahrungen mit Rassismus in der Kirche erzählen. Das liegt daran, daß es ihnen nie in den Sinn käme, Fensterscheiben mit Ziegelsteinen einzuwerfen, beleidigende Graffiti an die Wände zu sprühen oder Frauen zu bespucken und anzugreifen. Aber sie vergessen, daß die heimtückischste und hartnäckigste Form von Rassismus die "Ausgrenzung und die Unsichtbarkeit" dieser Frauen aus und in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ist. Es scheint, daß die Kirchen, ausgenommen die von Schwarzen geführten Kirchen, nicht begriffen haben, daß Solidarität mit Frauen auch uns schwarze Frauen einschließen muß. Eine Frau erzählte mir: "Es schmerzt ungemein, wenn weiße Schwestern, die Du seit Jahren kennst, Dir sagen: `Wir haben vergessen, Dich einzuladen oder: `Wir wußten nicht, daß Du daran interessiert sein würdest . Wie können die Bedürfnisse von Menschen, die durch ihre Farbe so deutlich sichtbar sind, so unsichtbar werden?"

Dennoch würde man die Anstrengungen und Errungenschaften der Dekade, so klein sie auch sein mögen, leugnen, wenn man sagte, sie habe nichts bewirkt. Tausende von Frauen haben hart gearbeitet, um Probleme und Anliegen aufzuzeigen, selbst wenn sie zu krank oder zu müde waren. Auch ist es äußerst wichtig, daß wir die Bemühungen der Kirche honorieren und ihr Anerkennung zollen, wo es angebracht ist. Ich denke hier an den Erfolg von Programmen wie zum Beispiel Frauen als Opfer des Rassismus und SISTERS.

SISTERS ist ein weltweites Frauennetzwerk. Es verbindet Frauen aus Afrika, Asien, der Karibik, aus Nord- Mittel- und Südamerika, Europa und dem Pazifik, und jetzt können wir wirklich sagen, daß die Welt unsere Nachbarschaft ist. Viele Frauen erkennen heute, daß sich die Formen der Unterdrückung von Frauen gleichen und daß es notwendig ist, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam dem Rassismus zu widerstehen. Mit Stolz kann ich sagen, daß die Kränkung einer Schwester heute die Kränkung aller bedeutet und zum Anliegen jeder einzelnen geworden ist.

Jede Form von Rassismus ist sicher abstoßend und eine Sünde, doch habe ich nicht die Zeit, alle unterschiedlichen Konflikte zu nennen. Lediglich zwei Beispiele sollen, hier erwähnt werden:

1) Der Kampf der Dalitfrauen in Indien und der Kampf der Ureinwohnerinnen in der ganzen Welt. Die Dalit sind verachteter ärmer und werden mehr ausgebeutet als jede andere Gruppe der indischen Gesellschaft. Die Dalitfrauen werden dreifach unterdrückt: Weil sie Dalit sind, weil sie Frauen sind, und weil sie arm sind. So werden sie zum besonders willkommenen Opfer für Gewalt, die durch das Zusammenspiel von Klasse, Kaste und Geschlecht entsteht. Wenn Sie statt "Dalit" "schwarze Frau" sagen, dann bleibt die Botschaft die gleiche. Die Kaste ist eine Form des Rassismus, die auf institutioneller und auch auf ideologischer Ebene bekämpft werden muß.

2) Der Zusammenhang zwischen Rassismus und Frauenhandel ist evident. Die Mehrheit der armen Frauen lebt in den Entwicklungsländern mit vorwiegend schwarzer Bevölkerung. Es gibt eine historische Verbindung zwischen Rassismus und Ausbeutung. Heute werden diese Länder nach wie vor von globalen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kräften ausgebeutet, und die Frauen werden als bloße Ware gesehen, die auf dem Markplatz ge- und verkauft wird. Rassismus ist mitverantwortlich für die Armut, die Frauen und Kinder mittellos und daher empfänglich macht für Kriminelle, die sie versklaven und in Länder verkaufen, in denen Fremdenfeindlichkeit und rassistische Einwanderungsgesetze sie in den Strudel von Prostitution oder Gewalt ziehen. Rassismus und Frauenhandel sind schwere Menschenrechtsverletzungen.

An der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend, an der sich zahlreiche Veränderungen vollziehen, steht für die Frauenbewegung eines fest: Der Rassismus ist nach wie vor da. Wie ein Wirbelsturm fegt er über nationale und geographische Grenzen hinweg; und richtet Verwüstung an, wenn er jede Form der Solidarität zwischen Frauen zerstört. Um sicherzustellen, daß sich die Gaben aller Frauen weiterentwickeln können, muß eine Reihe von Dingen geschehen. Die Dekade hat dazu beigetragen, vielen die Augen zu öffnen, und wir können nicht ins Dunkel und in die Kälte zurück - dorthin, wo Frauen ohne Stimme wohnten. Wir haben alle Formen der Unterdrückung von Frauen beim Namen genannt und angeprangert. Aber wir müssen fest zusammenstehen und weiterhin die Probleme und Konflikte benennen, die dort entstehen, wo extremer wirtschaftlicher Mangel auf politische, religiöse, rechtliche und kulturelle Faktoren trifft, die Rassismus legitimieren.

Meiner Tochter und den jungen Frauen auf der ganzen Welt sage ich: Wenn Ihr im Schatten der Bäume sitzt, die Eure Mütter, Tanten und Großmütter gepflanzt haben, dann hegt und pflegt die Bäume gut; seid wachsam, schlaft abwechselnd und bewacht die Bäume gut. Vergeßt nie, daß es draußen noch Kräfte gibt, die lieber die Bäume fällen und mitsamt den Wurzeln ausreißen würden. Wenn Ihr die Bäume pflegt, bringt die Samen aus, damit noch mehr Bäume für Eure Kinder wachsen können.

Den Kirchen und dem ÖRK sage ich: Ich möchte den Herausforderungen, die in den Lebendigen Briefen aufgelistet sind, beipflichten. Zusätzlich bitte ich die Kirchen und vor allem unsere weißen Schwestern,

  • a) alle Formen des Rassismus dadurch zu bekämpfen, daß alle kirchlichen Gremien einen Arbeitsplan aufstellen, der die Aktivitäten und Aufgaben für Kirchen und kirchliche Gemeinschaften auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene klar auflistet;
  • b) angemessene Mittel für Frauen als Opfer des Rassismus/SISTERS bereitzustellen, damit die Verbindung zu den säkularen Frauenorganisationen und die Zusammenarbeit mit ihnen gestärkt werden. Die Kirche muß diese Schritte unternehmen, denn Rassismus missachtet die Grenzen von Kirche, Staat und Völkern. Daher ist es überaus wichtig, daß ein Handeln gegen den Rassismus nicht an ebensolchen Grenzen haltmachen darf. Ich bitte die Kirche, die Frauenorganisationen, die an vorderster Front gegen alle Formen des Rassismus kämpfen, zu begleiten und zu unterstützen. Die farbigen Frauen, die Migrantinnen, die Flüchtlinge und die Ureinwohnerinnen brauchen den Schulterschluß mit der Kirche gegen die unterdrückerischen Kräfte und mächtigen Staatsmaschinerien, die oft gegen sie mobilisiert werden. Im Bewußtsein der Tatsache, daß Rassismus eine Form der Gewalt ist, müssen wir auf die Umsetzung der Menschenrechtskonvention dringen.
    Die Arbeit hat gerade erst begonnen. Ich bete für ein Jahrtausend ohne Rassismus und freue mich darauf. Gott sei mit uns allen.


    Beteiligung der Frauen am Leben der Kirche
    Metropolit Ambrosius aus Oulu, Finnland
    Dokument Nr. DE 5

    "Du hast den Tod durch Dein Kreuz vernichtet ... Du hast die Klage der Myrrheträger in Freude verwandelt". (Orthodoxer Auferstehungshymnus)

    Aus der Sicht der Kirchen war die Ökumenische Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen" für den ÖRK und seine Mitgliedskirchen sehr wichtig. Sie hat uns dabei geholfen, einige der Grenzen heutiger Entscheidungsprozesse und Machtstrukturen in unseren Kirchen und deren Mängel - die fehlende Integration der Frauen und die fehlende Transparenz - mit kritischerem Auge zu sehen. Vielerorts bleiben Frauen unsichtbar und verkannt, obwohl Gemeinschaft in der Kirche immer gleichbedeutend mit Gemeinschaft von Frauen und Männern sein sollte. Die Anliegen der Frauen sind eine entscheidende Voraussetzung für die Stärke und das Wohl der gesamten Kirche. Was die Zukunft unserer Kirchen betrifft, so streben wir danach, unseren Traum von einer Gemeinschaft zu verwirklichen, die für die Hoffnungen, Träume und auch die Enttäuschungen ihrer Mitglieder ein offenes Ohr hat. Sie sollte eine Quelle der Befreiung für Mann und Frau gleichermassen sein, denn beide sind zum Bilde Gottes geschaffen und zu Seiner Herrlichkeit berufen, indem sie die Kirche als Gemeinschaft bauen.

    Wir sind dankbar dafür, daß wir an verschiedenen Aktionen der Dekade und an den Besuchsteams der Dekadenmitte teilnehmen durften. Jetzt sehen wir die Bedeutung der Dekade klarer und konstruktiver vor uns. Einige mehr traditionell geprägte Kirchen waren zu Beginn eher zögerlich und zurückhaltend. Aber wir erkannten Schritt für Schritt, daß es sich bei der Dekade nicht um eine feministische Bewegung handelt - obwohl wir diese vielleicht auch brauchen würden - sondern um etwas, das die gesamte Kirche, ihr Selbstverständnis und ihr Wesen als Kirche betrifft. Die Dekade hat nicht den Versuch unternommen, in negativer Weise jene kirchlichen Traditionen in Frage zu stellen, die Frauen nicht ordinieren. Wir haben die Arbeit der Dekade nicht als Bedrohung erlebt, sondern als positive Möglichkeit, innerhalb unserer Kirchen aktiv zu werden.

    Das Evangelium hat die Pflicht und die Macht, Kultur zu kritisieren. Während der Teambesuche und danach waren viele Männer - darunter auch ich - schockiert, sich zum ersten Mal bewusst zu werden in welch hohem Maße Gewalt und wirtschaftliche Ungerechtigkeit gegen Frauen, kulturell bedingt oder nicht, innerhalb und außerhalb der Kirchen überall auf der Welt existieren. Es scheint so, als sei keine Region frei von unterschwelligen Strukturen durch die Frauen auf verschiedene Weise ausgegrenzt und marginalisiert werden. Aus diesem Grund haben wir in Zukunft die Pflicht, ja sogar das Privileg, die Früchte und Ergebnisse dieser Dekade zurück in unsere Kirchen zu tragen.

    Oft sind kontextuelle Theologien nötig, um Stereotypen zu korrigieren, die wir bezügliche der Qualität unserer Mitwirkung, Solidarität, Liebe und des gegenseitigen Vertrauens zwischen Frauen und Männern haben, beispielsweise bei Entscheidungsprozessen, theologischer Erziehung und Laienämtern in jeder Kirche. Die Aufgabe, die die Dekade uns gestellt hat, sollte bestehenbleiben. Geleitet vom Heiligen Geist werden wir, Frauen und Männer, dann in jeder Kirche Briefe Christi werden, "geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht in steinerne Tafeln, sondern in fleischerne Tafeln des Herzens." (2.Kor.3,3)


    Phase 3 - Die Zukunft
    Die Vorstellung der Empfehlungen
    an die Kirche, die die Teilnehmerinnen
    und Teilnehmer des Festivals erarbeitet haben,
    wird vom Bertrice Wood moderiert.)

    Brief an die Achte Vollversammlung des ÖRK von den Frauen und Männern des Dekade-Festivals: VON DER SOLIDARITÄT ZUR RECHENSCHAFTSPFLICHT Die Ökumenische Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen: Die Reise geht weiter
    Bertrice Y. Wood
    Dokument Nr. DE 7

    Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht." (Hebräer 11,1)

    In unserer Geschichte als gläubigem Volk gab es einen Tag, jenen ersten Ostermorgen, an dem die Frauen entdeckten, daß Jesus vom Tod erstanden war. Doch wurde ihr Zeugnis vor den männlichen Aposteln als bloßes Märchen abgetan. Ihrem Bericht von der Guten Nachricht wurde kein Glauben geschenkt.


    Die Gute Nachricht für das Leben der Kirche über die Generationen hinweg ist, daß damit nicht das letzte Wort über die Erfüllung der Verheißungen Gottes in der Auferstehung gesprochen war. Auch wenn die von Herzen kommenden Berichte der Augenzeugen und vieler Gläubigen, vor allem vieler Frauen, über Gottes mächtige Taten in der Geschichte als bloße Märchen abgetan wurden, bleibt eine der wichtigen Tatsachen, an die uns die Dekade Kirchen in Solidarität mit den Frauen" erinnert und die sie bekräftigt, daß Frauen nicht untätig herumgesessen haben.

    Die Besuchsteams Lebendige Briefe" haben aufgezeigt, daß Frauen tatsächlich in allen Regionen der Welt die Säulen der Kirche sind. Sie sind das Mark des Leibes Christi. Genau wie am ersten Ostermorgen wird die Kirche von der Treue und dem Zeugnis der Frauen getragen und genährt. Wir haben gelernt, und hieran gibt es keinen Zweifel, daß Frauen die Kirche lieben, so wie sie es immer getan haben. Heutzutage, das ist den Lebendigen Briefen bei jedem ihrer Besuche deutlich geworden, erkennen Frauen mehr denn je ihre von Gott empfangenen Gaben als unschätzbaren Beitrag für das Leben der ganzen Kirche und der ganzen Welt.

    Frauen rufen die Kirche als Leib Christi auf, für Gerechtigkeit einzutreten, wo immer Ungerechtigkeit herrscht, so wie Christus es getan hat; Menschen einzubeziehen, wo immer sie ausgeschlossen werden, sei es in der Kirche oder in der Gesellschaft, und so dem Beispiel Christi zu folgen. Der Aufruf, Veränderungen herbeizuführen, begann mit den Lehren Jesu, der viele der traditionellen Einstellungen Frauen gegenüber verwarf, und den Lehren, die Wege für Frauen und Männer aufzeigten, als gleichberechtigte Partner zu leben, zu Hause, in der Glaubensgemeinschaft und in der Gesellschaft. Frauen und glücklicherweise auch viele Männer haben nicht untätig herumgesessen. Wir haben gelernt, wie global und ökumenisch das Engagement und die Energie sind, durch die wir die wie auch immer gearteten Hindernisse überwinden können, die Menschen in unseren Kirchen trennen und die unsere Fähigkeit blockieren, Solidarität mit allen Menschen in der Welt zu leben.

    Bei den Besuchen in fast allen Mitgliedskirchen haben die Besuchsteams gezeigt, daß Solidarität und kulturelle Sensibilität Hand in Hand gehen können. Die Besuche haben die Kirchen in den verschiedensten Umfeldern und Traditionen ermutigt, ihre Stimme zu erheben. Sie haben Frauen und Männern in jeder der Kirchen ermöglicht, zu erkennen, was Solidarität mit Frauen in ihrer Umgebung konkret bedeutet. Die Besuche bieten wirklich ein Modell, das zeigt, wie der ÖRK auf andere Fragen von ökumenischem Belang reagieren könnte.

    Die Besuchsteams haben deutliche Zeichen der Hoffnung entdeckt. Diese Zeichen lassen uns hoffen, daß wir schon jetzt über die Ergebnisse der Dekade sagen können, daß sie dauerhafte Veränderungen für die Kirchen und den ÖRK bewirkt haben werden. Positive Veränderungen haben schon stattgefunden. An vielen Orten überprüfen Verantwortliche in den Kirchen ihre Prioritäten und konfrontieren die ganze Kirche mit dem Status der Frauen in der Kirche und dem Aufruf, der Kirchen an Gottes Mission teilzuhaben und von den Visionen des Propheten Amos zu lernen, die Risse zu vermauern und die Ruinen wiederaufzurichten, die die Lebensumstände viel zu vieler Frauen geprägt haben. Wir haben das kraftvolle Zeugnis vieler Männer gehört, die ihren Worten zufolge bekehrt" worden sind. Solidarität ist zwischen Frauen entstanden, hat Frauen über menschengemachte Grenzen wie Rasse, Klasse, Nationalität, Konfession, theologische Ausrichtung und Aufgabe in der Kirche hinweg zusammengeführt. Frauen sind aufgestanden, um sich gegenseitig in Situationen des Krieges und der Gewalt zu unterstützen. Die Dekade und die Besuchsteams haben den Kirchen und ihren Mitgliedern gutgetan, vor allem den Frauen, aber nicht nur ihnen. Die Dekade war ein Geschenk Gottes für die Kirchen und die ökumenische Bewegung.

    Leider gab es aber auch deutliche Zeichen der Verzweiflung. Es erfüllt uns mit Trauer und Wut, zu sehen, daß eine Erfahrung den Frauen gemeinsam ist, egal, welchen Status in Kirche oder Gesellschaft sie innehaben: die Erfahrung von Gewalt, Gewalt zu Hause, in unserer Gesellschaft und sogar in unseren Kirchen. Die Kultur des Schweigens" angesichts von Gewalt war so vorherrschend, daß sie bisweilen wie eine Verschwörung anmutete. Der Leib Christi ist da, um zu verändern, nicht um von der Welt verändert zu werden. Dennoch haben wir die weltweite Tendenz festgestellt, Kultur" als Bollwerk einzusetzen, um traditionelle Einstellungen und Verhaltensweisen in bezug auf Frauen nicht in Frage stellen zu müssen. In vielen Kirchen sind hier bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden, aber die Dekade war über weite Teile eine Dekade der Frauen, die Solidarität mit Frauen in der Welt geübt haben. Im allgemeinen konnten die Ziele und das Wirken der Dekade die gesamte Kirche nicht mit neuen Visionen der Treue zum Evangelium durchdringen. Allerorts bestand eine riesige Kluft zwischen Worten und Taten. Die Zeichen der Verzweiflung erinnern uns daran, daß wir bekennen müssen, daß die Ziele der Dekade die Kirchen noch nicht erreichen. Die Tagesordnung der Dekade ist eindeutig noch nicht abgearbeitet.

    Und doch haben Frauen und kooperative Männer in dieser Situation unglaublichen Mut und Engagement für die Kirchen und das heilende, versöhnende Wort des Evangeliums bewiesen. Strukturen der Diskriminierung und Unterdrückung sind in aller Öffentlichkeit angeprangert worden. Dieser Mut und dieses Engagement werden bleiben.

    Bei der Planung der Dekade fürchteten viele von uns, daß die Ausrichtung an einem bestimmten Zeitrahmen die Gefahr bergen könnte, daß die Kirchen und der ÖRK eines Tages dem Ende der Dekade mit einem Seufzer der Erleichterung entgegensehen könnten und die Vision, Energie und Mittel, die nötig sind um die Kirche auf ihrem Weg zu die Gesundheit und Ganzheit zu unterstützen, wieder umleiten könnten. Dennoch wußten wir, daß die Zeit reif war, sich intensiver auf diese schon lange bestehende ökumenische Aufgabe zu konzentrieren. Wir sind vielleicht am Ende der Dekade, aber wichtiger noch ist, daß wir uns auf einem Höhepunkt des Kairos befinden. Wir täten gut daran, erneut daran zu erinnern, daß die Frauen, die sich am ersten Ostermorgen dem Grab näherten und entdeckten, daß der Stein beiseite geschoben worden war, es dabei nicht bewenden ließen, sondern sich aufgefordert fühlten - und das gilt auch für die anderen Jünger - zu einer Reise des Lebens und Zeugnisses für den auferstandenen Christus aufzubrechen, der uns von all dem erlöst und befreit, was nicht dem Bild Gottes entspricht, nach dem wir als Männer und Frauen alle erschaffen worden sind.

    Glaube ist die Zuversicht, dass das, was wir hoffen eintreten wird, ist das Nichtzweifeln an dem, was wir nicht sehen. Am Ende der Dekade und an der Schwelle zum 21. Jahrhundert rufen wir die Kirchen erneut auf, an die Ergebnisse und das unvollendete Werk der Dekade anzuknüpfen. Wir vertrauen darauf, daß der Gott, dem wir uns zuwenden, seine Versprechen einlöst. Wir schließen uns einer Wolke von Zeugen unserer Generation und vergangener Generationen an, wenn wir vorausschauend sagen, daß Gott sein Werk mit den Kirchen und den Gläubigen fortführen wird, indem er das Leben einzelner, unsere Kirchen, unsere Kulturen und unsere Welt verändern wird.

    Das Dekade-Festival legt dieser Versammlung und den Kirchen, die wir vertreten, das Kommuniqué Herausforderungen für Frauen: Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert" vor. Es enthält spezifische Aufgaben, die uns zum Handeln auffordern. Die Suche nach wirtschaftlicher Gerechtigkeit geht weiter, vor allem, da Frauen und Kinder am unmittelbarsten von der wirtschaftlichen Globalisierung betroffen sind. Wir sind dem ethischen und theologischen Gebot dass die Kirche alle Menschen annehmen und ihre uneingeschränkte Beteiligung fördern soll, noch nicht gerecht geworden. Wir haben den Weg eingeschlagen, der Frauen ermutigt, die Fülle ihrer Gaben miteinander zu teilen, und der die Kirche befähigt, von diesen Gaben befruchtet zu werden; noch liegt aber ein langer Weg vor uns. Frauen haben Möglichkeiten gefunden, die Mauern aus Rassismus und ethnischen Spannungen zu überwinden, um Solidarität mit anderen zu üben und darin zu wachsen. Die ökumenische Bewegung und unsere Kirchen sind aufgerufen, diese führende Rolle der Frauen kontinuierlich zu unterstützen.

    Frauen wissen, daß Gewalt gegen Frauen in jedweder Form Sünde ist, und rufen die Kirchen auf, den mutigen Schritt zu wagen, dies auch offen auszusprechen, so wie Kirchen auch andere gesellschaftliche Sünden angeprangert haben, weil sie dem Wesen der Kirche und dem Leib Christi widersprechen.

    Betrachten wir nochmals das Symbol des Wassers. Rufen wir uns nochmals die Worte des Propheten Amos in Erinnerung: Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Den Frauen und Männern, die den Garten der Dekade beackert haben, könnten wir zurufen: Faßt Mut. Oft fallen Samenkörner des Wortes Gottes dorthin, wo man es nie vermutet oder vorhergesehen hätte.

    Neues Wachstum sprießt oft später, wo der felsige Boden geebnet und der Samen ausgebracht worden ist. Oft entdecken diejenigen, die später durch den Garten wandeln, die Veränderung. Die Ernte ist reich, und mehr Menschen müssen bei der Ernte helfen. Unsere Hoffnung gründet sich auf das Zukünftige, so wie unsere Kirche und unsere Gesellschaft mit den Wassern des Rechts und dem Bach der Gerechtigkeit gelabt werden.


    Plenarsitzungen der Vollversammlung
    8. Vollversammlung und 50. Geburstag
    Urheberrecht 1998 ôkumenischer Rat der Kirchen. FĀr Kommentare:
webeditor